Aussicht

Als ich mich um eine Wohnung in der Barstraße bewarb, sagte ein Mieter: ‘Und sehen Sie mal, wo haben Sie so eine Aussicht?’ Ja, hübsch, gegenüber lagen Kleingärten. Ich glaube, auch der XY hat sich mal so geäußert. Als der Sohn zu Besuch kam, sagte der auf dem Balkon ‘Endlich wieder ‘ne schöne Aussicht, nicht Papa?’

In den nächsten drei Tagen haben wir eine besonders schöne Aussicht. Da blühen die Zierkirschen. Die Passanten bleiben stehen und zücken ihr Smartphone. Ich hab früher auch Fotos vom Fenster aus gemacht. Dieses Jahr nicht. Diesen freien Blick auf so viel Himmel werde ich vermissen, ganz zu schweigen von den Zierkirschen. – Ich hab mal eine Wohnung nicht genommen, weil der Blick aus dem Fenster auf eine Brandmauer ging. Nur Mauer, sonst war nichts zu sehen. – Im Keller  gab es gar keine Aussicht. Doch, im zweiten konnte ich auf die Mülltonnen sehen.- Ja, eine schöne Aussicht wäre prima, aber wichtiger sind nette Nachbarn. 

Als ich noch im tiefsten Elend im Keller saß, zeigte mir eine Schülerin ihr neues Zuhause. Es war ein Haus in Gatow. Vor einem Fenster eine bilderbuchschöne Tanne, zur anderen Seite sah man auf Blumenbeete. ‘Welches Zimmer soll ich nehmen?’ Ich war so doof und konnte keinen Rat geben. Heute wäre die Entscheidung leicht: Wo ist die meiste Sonne? Damals hatte ich wohl vergessen, was Sonne war.

Hinterlasse einen Kommentar