Die Erinnerung täuscht

Was ich so von früher schreibe, stimmt möglicherweise nicht. Beim Lesen meiner alten Zeugnisse stelle ich fest, dass ich vieles ganz anders in Erinnerung habe. In der Grundschule hatte ich nur zweimal eine Eins in Musik, am TZ sogar nur einmal. 

Meine Musiklehrerin an der Grundschule war super. Von ihr habe ich soviel gelernt, dass ich davon noch profitieren konnte, als ich selbst Musik unterrichtet habe. Wir lernten Noten, Tonleitern und Blockflöte. Wir mussten auch mal vorflöten und sie entschied, ob wir im Schulorchester mitspielen durften. Mein Lieblingsstück war der Militärmarsch von Schubert. Im Musikunterricht saßen wir nach unserer Gesangsleistung sortiert. Erste Reihe erster Platz der/die Beste. Um diesen Platz wetteiferte ich mit einem Jungen. Er war die Nummer 1, und ich glaube, ich eroberte diesen Platz nur einmal. Viel später hab ich dann noch etwas gelernt: Nie ein Kind zum Singen zu zwingen. Auf dem letzten Platz saß ein Junge, der beim Vorsingen nur ein paar Grunztöne von sich gab. Dann konnte er wieder auf seinen letzten Platz. Wir haben das nicht weiter beachtet, aber für ihn muss es schrecklich gewesen sein. Als Nicole meine Schülerin war, traten ihr schon die Tränen in die Augen, wenn ich nur fragte, ob sie vorsingen wollte. Oh Gott nein! Mit anderen sang sie locker mit, aber allein ging das nicht. Na, dann nicht. Nie hätte ich darauf bestanden und ihr den Musikunterricht versaut, an dem sie mit viel Freude teilnahm. – Bei meiner Musiklehrerin würde ich mich gern bedanken. Aber keiner meiner Grundschullehrer kann noch leben. Das gilt wohl auch für das Kollegium am TZ. Da war Herr Ihle der Musiklehrer. Unglaublich, was er geleistet hat! Einen vier- oder fünfstimmigen Chor! Mit dem führten wir den Gefangenenchor aus Nabucco auf. Und die Märchenoper ’Glückskind und Pechvogel’. Ich sang den Pechvogel und hatte großen Erfolg – wäre aber lieber die Prinzessin gewesen. Musik und Chor waren meine Lieblingsfächer. Aber nur im Abschlusszeugnis bekam ich eine Eins. 

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