Irmchens Schränkchen

Das Schränkchen stand bei Irmchen im Flur, es war braun und sah nicht sehr geliebt aus. Ich kann mich nicht erinnern, ob was drin lag. Bei mir war es Liebe auf den ersten Blick. Ich sagte ‘Ist das süß!’ – ‘Kannst du haben.’

Da ich das Schränkchen sicher nicht bei Frau Zinn hatte und auch nicht im Keller, muss Irmchen noch gelebt haben, als ich in die Vorbergstraße zurück zog. Ich habe keine Erinnerung, wann sie starb und ob ich getrauert habe. 

Als ich aus dem Keller kam, fing ich an, alle meine Sachen weiß zu streichen, Körbe, die Nähmaschine, das Vertiko und auch das Schränkchen. Das sah danach wunderschön aus. Anfangs hatte ich Gardinen hinter den Scheiben, aber dann gefiel es mir ohne besser.

Nun hat mich Silvi gebeten, ihr das Schränkchen testamentarisch zu vermachen. Und da habe ich sehr schmerzhaft gefühlt, wie schwer mir der Abschied von meinem Krempel fällt. Vielleicht hoffe ich, dass ich nicht sterbe, solange ich kein Testament habe. – Also gut, ich kann ja ein paar Zeilen schreiben. Das Schränkchen wäre bei ihr in guten Händen. Ich möchte es nur noch sehr sehr lange behalten.

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