Jobs

Meinen ersten bezahlten Job hatte ich sehr früh. Die Arbeit bestand aus Auslegen. Ich musste mich sehr konzentrieren, denn wenn ich einen Fehler machte, hätte in einer Broschüre die Seitenreihenfolge nicht gestimmt. Darum habe ich die Stapel immer wieder kontrolliert. Von dem Geld hab ich mir eine Kinderhandtasche gekauft. Eigentlich war sie schon zu kindlich für mich, und ich habe sie kaum benutzt. 

Bei dem nächsten Job konnte ich ganz entspannt an gar nichts denken und mich unterhalten. Wir waren zu dritt in einem kleinen Raum und montierten 12polige Klemmleisten. Die beiden festangestellten Mitarbeiter kamen aus dem Osten und tauschten ihren Verdienst 1:4 um. Bezahlt wurde nach Stückzahl. Meine Kollegen schaften doppelt so viel wie ich. Immerhin konnte ich mir nach diesem Ferienjob ein Rowenta-Bügeleisen kaufen.- Bei derselben Firma hab ich dann ‘Ablage’ gemacht. Langweilig und einsam. Kurzfristig hab ich auch mal irgendwo Konfekt abgewogen und eingetütet, daran erinnere ich mich nur schwach. – Einen richtigen Job hatte ich dann bei der Firma Herva. Das hat Spaß gemacht! Wir hatten einen Stand auf dem amerikanischen Volksfest und danach auf dem Kirchentag. Wir hatten zwei Getränke frei, konnten, uns die aber auch auszahlen lassen. Den Flaschenöffner durften wir behalten. Meinen hab ich noch. Das ganze Geld durfte ich behalten und musste es im Heim nicht abgeben. 

Die schrecklichste Arbeit hatte ich nach dem Abitur. Ich wurde Abwäscherin bei Herti in Neukölln. Eine Knochenarbeit! Ich arbeitete mit Kolleginnen, die das immer machten, nicht nur vorübergehend wie ich. Aber ich bekam eine richtige Lohntüte mit dem Geld darin.

Später während des Studiums habe ich als Schreibkraft in einem Vervielfältigungsbüro getippt. Das hatte ich an der Letteschule gelernt, und das hat mir sehr geholfen. Ich konnte für die Professoren schreiben, mal für einen
Schein, mal für Geld, mal auch für beides.

Eine Zeitlang war ich Telefonauskunft im Fernamt. Wir saßen im Halbdunkel mit Kopfhörer und gaben Auskunft über Telefonnummern. Neue wichtige Nummern standen auf einem Bildschirm über unseren Köpfen. Die anderen suchten wir auf einer Folie, die nichts Anderes als das Telefonbuch war. Wir mussten nur nicht blättern, sondern haben geschoben. Man meldete sich mit der Platznummer. ‘Telefonauskunft Platz 9’ musste ich sagen.  Es gab einen Schichtdienstzuschlag. In der Pause standen wir auf der Dachterasse und sahen den Nutten zu. Manchmal maßen wir die Zeit vom Ansprechen bis zum Wiederrauskommen aus dem Hotel. Unter 10 Minuten. Die Telefonauskunft war kein schlechter Ferienjob, als lebenslanger Beruf eine schreckliche Vorstellung. 

Die meiste Zeit meines Arbeitslebens war ich Lehrerin. Aber das ist keine Arbeit, das ist ein Geschenk. Es ist der schönste Beruf, den es gibt. Jeden Tag ist Premiere mit einem dankbaren Publikum. Wenn ich in die Klasse kam, fragte Karo, die dicht an meinem Tisch saß, ‘was machen wir?’ denn ich hielt mich selten an den Stundenplan, und ich antwortete ‘Mathe’ oder ‘Deutsch’ oder was auch immer, und Karo strahlte ‘toll!’ Es war alles toll. Wir hatten Spaß an der Schule, an den Themen, am Lernen und am Zusammensein. Ja, es gab auch Unerfreuliches, öde Statistiken, langweilige Konferenzen, Streit mit Eltern oder dem Chef, aber das war nichts gegen die Freude, die wir hatten. – Einmal hab ich den Kindern erzählt, dass früher Zucht und Ordnung an der Schule geherrscht habe, die Schüler vor dem Lehrer strammstanden, wenn sie ihn begrüßten. Dann nahmen wir das rechtwinklige Dreieck durch. Am nächsten Tag kam ich in die Klasse. Die Kinder sprangen von den Stühlen auf, nahmen Haltung an und riefen im Chor: ‘Im rechtwinkligen Dreieck ist die Summe der beiden Kathetenquadrate gleich dem Hypotenusenquadrat – heil dem Pythagoras!’ – Ist das nicht süß? Es gibt keinen schöneren Beruf!

Hinterlasse einen Kommentar