Im Radio läuft eine Sendung über misshandelte Kinder während der Kinderlandverschickung, und zwar zu einer Zeit in der auch ich verschickt wurde. Leider habe ich so gut wie keine Erinnerung daran, aber ich weiß, misshandelt wurde ich nicht. An das Essen kann ich mich auch nicht mehr erinnern, aber wäre es ungenießbar gewesen, wüsste ich das wohl noch. Ein Erlebnis war so grauenhaft, dass ich dachte, mir bliebe das Herz stehen. Während des Mittagsschlafs hörte ich ein fürchterliches lang anhaltendes unmenschliches Schreien. So als würde jemand bei lebendigem Leibe in Stücke geschnitten. So ähnlich war es dann ja auch. Ich erfuhr, dass man auf dem Hof ein Schwein geschlachtet hatte.
Kurz vor der Heimfahrt wurden uns die Haare gewaschen. Gespült wurden sie in drei Schüsseln. Erste Schüssel einmal spülen, zweite und dritte genauso – nacheinander alle Kinder mit demselben Wasser. Na, wenn schon, bei mir zu Hause wurde auch nur einmal gespült.
Ganz verschwommen erinnere ich mich an was Schönes. Mit einer jungen Betreuerin hatte ich aus Zweigen eine Höhle gebaut, in die legten wir uns rein und schauten in das Blätterdach. Nein, sie hat mich nicht angefasst. Wir lagen nur da und ich fühlte eine große beiderseitige Zuneigung. Beim Abschied war sie eher abweisend. ‘Du schreibst ja sowieso nicht’. Stimmt, hab ich nicht. Dabei schuldete ich ihr das Geld für eine Ansichtskarte, die ich als Andenken haben wollte. Ich glaube, der Ort hieß Bad Sachsa.
Meine Kindheit ist voll von üblen Erlebnissen. Die Kinderlandverschickung gehört nicht dazu. Besser als mein Zuhause war es allemal.