Als junges Mädchen hab ich gesagt, Treue sei für mich nicht eine Pflicht, sondern ein Bedürfnis. Ich wollte nicht rumprobieren und Erfahrungen sammeln, ich sehnte mich nach jemandem, dem ich treu sein konnte. Dann kam L. und sagte ‘nach mir kommt nichts mehr’. In Ordnung. Ich war treu. Und sagte ihm das auch: ‘Für alle Zeit’ Aber da antwortete er schon: ‘Bei dem Gedanken könnte ich kotzen.’ Ich war trotzdem treu. Auch als er eine andere Freundin hatte, auch als er tot war.
Treue zu Menschen ist ja normal, aber ich bin auch der ‘Schicht’ treu, aus der ich mit aller Kraft raus wollte, in die ich nie wieder abrutschen will. Aber dann sehe ich einen Film über ‘diese Schicht’ und stelle mich sofort an ihre Seite. Im Studium habe ich gelernt, dass es den ‘edlen Wilden’ genauso wenig gibt wie eine Ganovenehre. Ganoven hätten keine Ehre. – Und wenn doch? Aber im Film ist alles schöner. Und einfacher gestrickt. – Zurück zur Treue. Im Mädchenwohnheim haben wir uns ganz schön beharkt und miteinander rivalisiert. Aber wir fühlten auch eine Zusammengehörigkeit. Oder ich fühlte sie. So hatte ich noch Kontakt zu Edda, als sie schon ihren Puff hatte und ich Lehrerin war. Wir hatten uns nichts mehr zu sagen, telefonierten aber noch und trafen uns. – Bei Carola war keine Verständigung mehr möglich, kein einziges gemeinsames Interesse. Dann rief ich sie nach langer Zeit doch noch mal an. Da war sie schon gestorben. – Eva war nicht aus dem Heim, sondern aus der Nollendorfstraße. Nach jedem Telefonat bedauerte ich die verplemperte Zeit. Als Heinz mich mal fragte, ob ich mit ‘solchen Leuten’ aus Mitleid verkehre, brach ich den Kontakt zu Eva ab. Aber ein bisschen leid tat mir das schon – aus Treue.
Meine TZ-Lehrer leben alle nicht mehr, aber ich habe wochenlang rumtelefoniert, um die vergessenen Namen zusammenzubekommen. Wenigstens die will ich mir merken – aus Treue.
Und sogar mein Krempel ist mir so ans Herz gewachsen, dass ich mich aus Treue von nichts trennen kann.