An die Zeit vor der Inhaftierung meines Vaters kann ich mich nicht erinnern. Wieder zu Hause hat er ein- der mehrmals Leuten stolz sein Herrenzimmer präsentiert. Dieses Zimmer war schon da, als ich mit meiner Mutter allein war, denn ich habe als kleines Kind mit dem Staubtuch die Verzierungen ausgewischt. So begeistert, wie mein Vater von diesen Möbeln war, konnte er sie nicht sehr lange besessen haben. Auf alten Fotos sehe ich sie nicht, habe aber die meisten Fotos weggeworfen. Woher stammte dieses Zimmer?
Als mein Vater starb, erbte ich das Zimmer, und so kam es mit mir in die Nollendorfstraße. Da machte unser Arzt einen Hausbesuch und stürzte sich auf den Schrank.’Darf ich mal aufmachen?’ Er sah sich alles gründlich an und sagte, dass er diese Art Möbel kannte. Unser Arzt hieß Doktor Salomon. Meine Pflegemutter war froh, dass der Schrank so pikobello aufgeräumt war. Dann wanderte das Zimmer mit mir zu Frau Zinn. Der Schreibtisch begleitete mich in die Kellerwohnung. Ein repräsentativer Schreibtisch in dem elenden Keller! Der Schreibtisch kam dann in meine jetzige Wohnung, den Schrank holte ich von Frau Zinn ab und den Tisch aus ihrem Keller. Jetzt war das Zimmer wieder komplett. Bis auf die Sessel. Die hatten ausgedient. Von einem hab ich die Pfotenfüße aufgehoben.
Über eine Tauschbörse lernte ich einen Herrn kennen, der mir das Nähen von Rollsäumen zeigen sollte. In seiner Wohnung stand ein Schreibtisch wie meiner, nur aus dunklem Holz. ‘So einen Schreibtisch habe ich auch.’ Ganz ausgeschlossen, das sei ein Unikat. Ich fotografierte meinen Schreibtisch und schickte ihm das Foto. Er hatte nur den Schreibtisch, ich glaube nicht mal den Schreibtischstuhl. Ich hab sogar die dazugehörige Deckenlampe. Man konnte diese Möbel wohl nach Katalog bestellen und Holzart, Verzierungen usw. aussuchen.
Woher stammt dieses Zimmer? Es hängt an mir wie ein Betonklotz, unnütz, heiß geliebt, weil ich meinen Vater so geliebt habe, es nimmt den größten Raum ein und wird nicht benutzt. Als Wienke mich besuchte, haben wir an dem Tisch Kaffee getrunken, gemütlich fand ich das nicht.
Schon sehr früh ging ich in Ausstellungen, auch oft in solche, die von den Judenverteibungen handelten. Die Wohnungseinrichtungen wurden wohlfeil an Reichsbürger verkauft oder versteigert. Halbherzig fing ich an nachzuforschen. Es gibt eine Aktion ‘Zurückgeben’. Aber auf Verdacht? Ich müsste schon einen Beleg sehen, auf dem steht, dass Erwin Kose dann und dann das und das erworben hat. Und dann? Vielleicht noch lebenden Urenkeln die Möbel anbieten, die keinen Schimmer von deren Existenz haben?
Gestern habe ich im Fernsehen ‘Die Wannseekonferenz’ gesehen. Ich kann die Möbel nie ansehen, ohne mich zu frage, wer sie wohl vor meinem Vater besessen hat. Vor etliche Jahren wollte ich das Zimmer testamentarisch der Jüdischen Gemeinde vermachen. Die wird sich bedanken, so was will kein Mensch mehr.