Freiheit

Die Schulabgänger beklagen, dass sie wegen Corona keine Freiheiten genießen können. Keine Feten, keine Reise.

Bei H.s hatte ich keine Freiheit – gar keine. Ich durfte nur selten ‘runter’, musste mich sogar bei den Schularbeiten beeilen. um zu ‘helfen’. Im Haushalt, auf der Putzstelle meiner Pflegemutter, beim, Einkauf.- Die kurze Zeit im Kinderheim war auch ‘unfrei’. Schularbeiten, Zimmerdienste. Abwasch. Später dann zu Frau Zinn. Da durfte ich alles. Auf meine Frage, wann ich zu Hause sein soll, sagte sie ‘wann du willst’. Abends wollte ich sie provozieren und kündigte an ‘ich gehe jetzt in den Flamingo und hole mir meinen  Gute-Nacht-Kuss.’ ‘Ja, geh nur.’ Einmal stand ich die halbe Nacht mit Harri vor der Haustür. Frau Zinn hatte das nicht bemerkt und meinte: ‘Heute siehst du aber ausgeruht aus. War doch gut, dass du mal früh ins Bett gegangen bist.’

Ich ließ mein Zimmer verdrecken, wurde pampig, und warf Frau Zinn vor, dass ich ihr doch total schnuppe sei. ‘Warum haben Sie mich überhaupt genommen?’ ‘Als abschreckendes Beispiel für meine Tochter.’ Einmal schrie ich: ‘Sie hassen mich!’ Sie antwortete kühl: ‘Ich verschwende meine Gefühle nicht.’

Frau Zinn war meine einzige Chance. Ich konnte mit der mir gewährten Freiheit nichts anfangen. Dann kam ich ins Mädchenwohnheim. Scharf kontrollierter  knapper Ausgang, Zimmerdienst, Putzämter, Abwasch. Abwasch gab es auch bei geringen Verspätungen. Bei nicht ganz so kurzer Verspätung gab es Ausgangssperre. Bei Neueinlieferung erst mal vier Wochen nicht raus. Hat mich nicht gestört. Wohin hätte ich gehen sollen? Oft war ich an Ausgangstagen mit ein zwei Mädchen alleine im Heim. Die Erzieherin schmiss uns raus und schloss für zwei Stunden das Heim ab, um frei zu haben. Ich lief in der Gegend rum und wartete, dass ich wieder rein konnte. Da konnte ich mich beschäftigen und hatte Gesellschaft. Und um 22 Uhr ging das Licht aus.

Wieder bei Frau Zinn schlug ich mir dann die Nächte um die Ohren, hörte todmüde den AFN und wünschte, jemand schickte mich ins Bett. ‘Schluss jetzt, Licht aus !’ Sagte aber niemand. – Dann flog ich endgültig bei Frau Zinn raus. In der Untermiete war es unerwünscht, dass ich mich wasche. Dazu sollte ich ins Schwimmbad gehen. Und den Heizlüfter dufte ich auch nicht benutzen. Kündigung. Da nahm mich Frau Lück auf. Das hätte sie wegen des Kuppelparagrafen nicht gedurft, denn ich habe im Zimmer ihres Sohnes geschlafen, wenn auch nicht mit ihm. So ging das aber nicht weiter. Als im Haus ein Keller frei wurde,  zog ich ein. Als ich da nach einigen Jahren rauskam, war das wie die Entlassung aus dem Gefängnis. Frei – aber gebrochen. 

Jetzt habe ich eine Wohnung. Aber andere bestimmen, ob und wann und wo ich schlafe. Auf dem Fußboden, in meinem Bett? Wann kann ich auf den Balkon, wann die Fenster öffnen, wann die Wäsche trocknen? Kann ich mich überhaupt in der Wohnung aufhalten oder werde ich vertrieben?

Frei sein kann ich erst in einer anderen Wohnung. Da werde ich dann meine Freiheit jeden Tag genießen, wie jetzt täglich das Tageslicht und die Sonne. 

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